Titre

Schweizer Literatur im Sog des Dritten Reichs. Das schweizerische Literatursystem und seine Literaturproduktion im Zeitalter des Nationalsozialismus

Auteur Rico LARGIADÈR
Directeur /trice Prof. Dr. Yahya Elsaghe
Co-directeur(s) /trice(s) Prof. Dr. Philipp Theisohn
Résumé de la thèse Konzeptbeschrieb Im Gegensatz zur Literatur im Nachkriegsdeutschland kennt die Literatur der Schweiz keine «Stunde Null» (Pulver, Elsbeth 1974, S. 164.). Entsprechend stellt das Jahr 1945 in der deutschschweizerischen Literatur keine Zäsur dar, die einen Neuanfang markiert und eine Auseinandersetzung mit der Vergangenheit – beispielsweise über die Zusammenhänge zwischen den in der Schweiz Zuflucht suchenden Flüchtlingen und der Verfolgungs- und Vernichtungsaktionen der Nationalsozialisten – zulässt. Die Gründe dafür sind im Erinnerungsdiskurs der Nachkriegszeit zu suchen (vgl. Amrein, Ursula 2004, S. 12 f.). Bis in die 1960er-Jahre ist dieser vom Themenfeld Nationaler Widerstand dominiert worden (vgl. Unabhängigen Expertenkommission Schweiz – Zweiter Weltkrieg 2002, S. 23.). Eine Auseinandersetzung mit der Vergangenheit der Schweiz zur Zeit des «Dritten Reichs» ist zudem auch durch den «Mythos der Unversehrtheit als zentrale Erinnerungsfigur der Nachkriegszeit» verhindert worden, was dazu geführt hat, dass ein ikonografisches Bild von der Schweiz geschaffen wurde, das sie als Friedensinsel darstellt, «die sich unter Preisgabe ihrer kulturellen Aussenorientierung ins Reduit zurückgezogen hatte» (Amrein, Ursula 2004, S. 12.). Ein solches Bild der Schweiz ist massgeblich auch von Karl G. Schmid geprägt worden. In seiner am 28. Oktober 1944 an der ETH Zürich gehaltenen Antrittsvorlesung mit dem Titel Zur kulturellen Lage der deutschen Schweiz hat er unter anderem betont: «Als das Land seit dem Sommer 1940 von allen Seiten gleichzeitig angegriffen werden konnte, als das militärisch Gleichgewicht der Kräfte völlig und gründlich zerstört war, wurde auf dem militärischen Gebiete jene Festung, jenes Refugium geschaffen, das wir unter dem Namen ‘Réduit’ kennen. Der Geist, der zu ihm führte, war der des unbedingten Widerstandes. […] In diesem Sommer 1940, als die Wahl zu treffen war zwischen Abfindung und Selbsttreue, war mit dem Réduit ein Zeichen geschaffen, dessen glaubenzeugende Kraft wir kennen. Militärisch und wirtschaftlich waren wir auf uns selbst gestellt. Was getan werden konnte und getan wurde, geschah nach zwei Grundsätzen: Befestigung des Besitzes und Vermehrung des aus eigenem Grunde Geschaffenen, Vermehrung des Eigenen. Und diese Formel galt auch für das kulturelle Leben» (Schmid, Karl G. 1945, S. 12.). Relativ spät erst, d. h. ab Mitte der 1990er Jahre, hat sich die Literaturwissenschaft intensiv mit dem Nationalsozialismus beschäftigt (vgl. Haefs, Wilhelm 2009, S. 7 f.). Ab diesem Zeitpunkt sind viele Monographien und Sammelbände entstanden, die sich punktuell, teilweise sogar atomistisch, mit der Thematik auseinandersetzen. So gibt es zum Exil in der Schweiz mittlerweile eine umfangreiche Forschungsliteratur (zuletzt Schulz, Kristina 2012.), jedoch sind die kulturellen Austauschbeziehungen zwischen der Schweiz und dem «Dritten Reich» bisher noch wenig erforscht worden. Ausnahmen bilden die Studien von Ursula Amrein zur schweizerischen Literatur- und Theaterpolitik, von Martin Dahinden zum schweizerischen Verlagswesen, von Stefan A. Keller zur schweizerischen Buchzensur, von Louis Naef zur Theatergeschichte oder von Julian Schütt zur Germanistik in der Schweiz (Amrein, Ursula 2004; Dahinden, Martin 1987, Naef, Louis 1979 und Schütt, Julian 1997.). Das vorliegende literaturwissenschaftliche Promotionsvorhaben will dem Rechnung tragen. Es hat sich zum Ziel gesetzt, eine umfassende Gesamtdarstellung der deutschschweizerischen Literatur zur Zeit des «Dritten Reichs» zu liefern, indem eine hinreichende und differenzierte Beschreibung und Analyse der Kultur- und Literaturpolitik der Schweiz, des schweizerischen Literatursystems, seiner Literaturproduktion und der Literaturrezeption während des nationalsozialistisch geprägten Deutschlands vorgenommen wird. Entsprechend lautet die Forschungsfrage: Wie hat sich die schweizerische Literaturpolitik und das schweizerische Literatursystem zwischen 1933 und 1945 verändert und wie hat sich die geistige Landesverteidigung als Reaktion auf das nationalsozialistisch geprägte Deutschland auf die deutschschweizerische Literaturproduktion, die Literaturschaffenden und die Literaturrezeption in der Schweiz ausgewirkt? Literaturverzeichnis Amrein, Ursula: „Los von Berlin!“. Die Literatur- und Theaterpolitik der Schweiz und das „Dritte Reich“. Zürich 2004. Dahinden, Martin: Das Schweizerbuch im Zeitalter von Nationalsozialismus und Geistiger Landesverteidigung. Bern etc. 1987. Haefs, Wilhelm: Einleitung. Perspektiven der Forschung. In: Haefs, Wilhelm (Hg.): Nationalsozialismus und Exil 1933-1945. München und Wien 2009, S. 7-16 (= Hansers Sozialgeschichte der deutschen Literatur vom 16. Jahrhundert bis zur Gegenwart, Bd. 9). Ketelsen, Uwe-K.: Literatur und Drittes Reich. 2., durchgesehene Auflage. Vierow bei Greifswald 1994. Naef, Louis: Theater der deutschen Schweiz und die Einflüsse der „Reichstheaterkammer“. In: Schirmer, Lothar (Hg.): Theater im Exil 1933-1945. Ein Symposium der Akademie der Künste. Berlin 1973, S. 241-263. Pulver, Elsbeth: Die deutschsprachige Literatur der Schweiz seit 1945. In: Gsteiger, Manfred (Hg.): Kindlers Literaturgeschichte der Gegenwart. Autoren, Werke, Themen, Tendenzen seit 1945. Die zeitgenössischen Literaturen der Schweiz. Zürich und München 1974, S. 143-405. Schmid Karl G.: Zur kulturellen Lage der deutschen Schweiz. Zürich 1945 (= Kultur- und Staatswissenschaftliche Schriften, Heft 44). Schulz, Kristina: Die Schweiz und die literarischen Flüchtlinge (1933-1945). Berlin 2012. Schütt, Julian: Germanistik und Politik. Schweizer Literaturwissenschaft in der Zeit des Nationalsozialismus. 2. Auflage. Zürich 1997. Unabhängige Expertenkommission Schweiz – Zweiter Weltkrieg (Hg.): Die Schweiz, der Nationalsozialismus und der Zweite Weltkrieg. Schlussbericht, Zürich 2002.
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